CHRISTOPH SAURER
LESEPROBE: DER KEIM DER SEELE, Seite 89 bis 91

Roman: Der Keim der Seele
Hardcover, 220 Seiten
Erschienen: November 2003
ISBN: 3-0344-0229-5
  Copyright © 2006 by Christoph Saurer.
Alle Rechte vorbehalten.
Gestaltung: Christoph Saurer, Bangkok
Zeichnungen und Stiche: Denkmalpflege Baselland (CH)
Foto: Christoph Saurer, Bangkok
Technische Umsetzung: Mongkon Klatpetch, Bangkok
 
 

Die Nacht der Revolutionsfeier war ein Fest positiver Gefühle, welche danach drängten, sich zu äußern. Denn nach all den beängstigenden Tagen der Unsicherheit und der befürchteten Anarchie schien sich ein geordneter Übergang von einer alten, ungerechten Einrichtung zu einer glücklichen Zukunft abzuzeichnen.
"Sieh dich um", sagte Sandro. "Hier wird ein großes Fest begangen und ausgiebig gefeiert. Das finde ich gut so, weil sie damit allen zeigen wollen, dass sie ihr Ziel erreicht haben. Es ist deshalb so fröhlich, weil sich alle gleichwertig fühlen und vereint um eine neue Zuversicht kämpfen. Ich bin froh, dass diese Menschen an ihren Sieg, an eine glücklichere Zukunft glauben. Denn ohne ihren Glauben würden sie den Kampf und somit auch ihren Sieg verloren haben."

Sie ließen sich gerade im fröhlichen Jubel durch die ausgelassene Menschenmenge treiben, als Benjamin eine Hand auf seiner Schulter spürte, die ihn sanft am Weitergehen hinderte.
"Sei gegrüßt, mein Freund", hörte er eine Stimme hinter sich. Als er sich umdrehte, stand er einem Mann in stattlicher Kleidung gegenüber.
"Wenn du nichts dagegen hast, möchte ich dich gerne in mein Haus einladen."
Benjamin nahm dankend an und stellte ihm seinen Freund Sandro vor. Dann folgten beide dem Unbekannten in ein bürgerliches, sehr gepflegtes Haus.

Es war nun schon späte Nacht, doch ihr Gastgeber ließ für sie eine große Mahlzeit zubereiten und allerlei Getränke kommen. Man sprach heiter vom großen Fest, von Freiheit, Brüderlichkeit und derlei Dingen. Dann fragte ihr vornehmer und gebildeter Gastgeber Benjamin so nebenbei, woher er denn die Kette habe, welche er um den Hals trage. Benjamin war überrascht, denn ihm war gar nicht aufgefallen, dass sich sein Hemd geöffnet hatte und die Kette so für jedermann gut sichtbar war.
"Die gehörte meinem Großvater", antwortete er.
"Wer war denn dein Großvater?"
"Er hieß Franz Johann von Andlau und war Gutsherr vom Andlauerhof."
Bald darauf führte der Gastgeber sie zu ihren Zimmern und wünschte ihnen eine angenehme Nacht.

Benjamin hatte schon tief und fest geschlafen, als er durch unaufhörliches Klopfen an seiner Tür geweckt wurde. Der Gastgeber stand mit einem Dienstboten, der eine Petroleumlampe bei sich trug, an seiner Tür. Er bat Benjamin, er solle doch so freundlich sein und mit ihm kommen, denn er möchte ihm gerne etwas Wichtiges von seinem Großvater zeigen.
      Schlaftrunken folgte Benjamin dem Herrn des Hauses in das Lesezimmer. Durch eine Mechanik ließ sich eines der Bücherregale mühelos beiseite schieben, dahinter lag ein kleiner Raum. Von hier aus stiegen sie hintereinander im Schein der Lampe eine schmale Treppe hinunter, folgten dann einem langen Gang und gelangten in ein rechteckiges Gewölbe. Außer einem großen Schrank mit Büchern und einem Tisch in der Mitte war der Raum leer. Sie gingen weiter in den nächsten, und auch dieser war bis auf ein paar Stühle leer. Doch gab es hier drei Türen; durch die eine waren sie soeben hereingekommen. Der Hausherr, welcher vorangegangen war, klopfte nun in einem bestimmten Rhythmus an der gegenüberliegenden Tür, welche sich ihm sogleich öffnete. Sie traten in einen Raum, der in Form und Größe alle anderen übertraf. Selbst die Lampe erhellte ihn nicht genug, um ihn ganz erkennen zu können.
     Sie gingen der Wand entlang, und im flackernden Schein des Lichtes wurden die Umrisse einiger Gemälde sichtbar. Plötzlich forderte eine Stimme aus der Dunkelheit Benjamin auf, er solle auf seinen Großvater zeigen. Überrascht drehte er sich um, doch außer ein paar Stühlen konnte er nicht viel erkennen.
"Zeig mir deinen Großvater auf den Bildern vor dir", forderte ihn die Stimme nochmals auf. Langsam schritt nun Benjamin von Bild zu Bild und blieb dann wie angewurzelt vor dem Gemälde seines Großvaters stehen.
"Wieso hängt dieses Bild hier?", fragte er verblüfft in die Dunkelheit.
"Woher hast du diese Halskette, hat er sie dir gegeben?"
"Nein", antwortete Benjamin, "er ist ja schon längst gestorben. Ich habe sie in seinem Arbeitszimmer zufällig in einem Geheimfach gefunden."
"Warum trägst du diese Kette?"
"Sie ist für mich ein Talisman, der mich auf meiner großen Reise beschützen soll."
"Welche große Reise?"
"Ich bin ein Wanderer unter den Sternen, der so wie Großvater nach dem Licht seiner Wahrheit sucht. Doch was habt ihr mit meinem Großvater zu tun, und wer seid ihr?"
Es folgte ein Schweigen, dann bat ihn die Stimme, näher zu kommen, und einer der Dienstboten zündete ein paar Kerzen an. Benjamin sah nun, dass er sich am Ende einer Stuhlreihe befand. Neben ihm war so etwas wie ein Altar und vor ihm, etwas erhöht, sieben Stühle. Auf einigen saßen maskierte Männer in schwarzer Kleidung, und dahinter in der Mitte an der Wand hing ein großer Stern aus zwei übereinander liegenden Dreiecken.
"Seid ihr Freimaurer?", fragte Benjamin.
"Ja und nein", antwortete ihm nun einer der maskierten Männer.
"Habt ihr meinen Großvater gekannt?"
"Ja", antwortete ihm derselbe. "Dein Großvater war unser Bruder. Doch das muss dir jetzt als Antwort für alle weiteren Fragen genügen. Du weißt nun, dass es uns gibt, und das ist schon zu viel. Noch bist du nicht so weit, diese Halskette in Würde zu tragen; dennoch werden wir sie dir nicht nehmen, Benjamin. Du hast sie gefunden und nicht mit Gewalt an dich genommen. So, geh jetzt, wandere unter den Sternen und versuche, ihrer würdig zu werden."