CHRISTOPH SAURER
LESEPROBE: PANASBODI, Seite 62 bis 64

Roman/Triller: Panasbodi
Paperback, 224 Seiten
Erschienen: September 2006
ISBN: 3-8334-5543-8
  Copyright © 2006 by Christoph Saurer. Alle Rechte vorbehalten.
Gestaltung: Christoph Saurer, Bangkok
Foto: Christoph Saurer, Bangkok
Technische Umsetzung: Mongkon Klatpetch, Bangkok
 
 

     Chris betrachtete schweigend die Landschaft. Zu dieser Jahreszeit wirkte sie noch grün und freundlich. Einige Bauern waren gerade dabei, die Ernte von den Feldern einzuholen.
     »Weißt du, Chris«, fuhr Ming gedankenverloren fort, »der Isan ist für mich die eigentliche Kulturschatzkammer hier in Thailand. Jedes seiner Ruinenfelder hat kunsthistorisch einiges mehr zu bieten als die meisten auf den Postkarten abgebildeten Tempel von Bangkok. Das Wichtigste stammt aus dem Khmerimperium, das ab dem 9. Jahrhundert große Teile des heutigen Thailand einnahm.«
      »Gab es eine starke Wechselbeziehung, zwischen Phnom Rung und Angkor?«, fragte Chris.
      »Aber ja, sicher«, antwortete Ming eifrig. »Phnom Rung wurde zwischen dem 10. und dem 13. Jahrhundert an der antiken Handelsstraße errichtet, die Angkor mit Phimai, einem weiteren architektonischen Khmerjuwel hier im Isan, verband.«
     Chris schwieg und fasste sich mit seiner flachen Hand an die Stirn, worauf ihm Ming einen besorgten Blick zuwarf. »Na, immer noch den Kater von heute Morgen?«
     Er überging ihre Frage. »Hör mal, Ming«, begann er etwas nachdenklich. »Gestern Abend hat Marco ein paar seltsame Bemerkungen über illegal exportierte Kulturgüter gemacht. Er war wahrscheinlich betrunken und dachte, ich interessiere mich für irgendwelche Raubgrabungen. Was sagst du dazu? Ich denke unsere kleine Expedition hat doch nichts damit zu tun?«
     Ming grinste. »Und wenn es so wäre, wen würde das schon kümmern? Wie du siehst, gab es hier bis vor wenigen Jahren kaum so etwas wie Umweltschutz oder gar einen Schutz für alte Kulturgüter. Erst seit Kurzem hat sich dafür ein Bewusstsein entwickelt.«
     »Marco warnte mich auch davor, jemandem auf die Füße zu treten.«
     Ming schien das nur noch mehr zu amüsieren. »Und wer sollte das sein?«, fragte sie spöttisch und hielt den Wagen an, um ein paar Wasserbüffel mit ihren Jungen über die Strasse zu lassen. »Etwa mein Onkel?«
     Chris warf ihr von der Seite einen genervten Blick zu. »Was ist denn so komisch daran?«
     »Hör mal, Chris. Im Vergleich zu Schwarzmarktgeschäften wie Waffen-, Drogen-, Teakholz- oder Edelsteinhandel betrachte ich das Geschäft meiner Familie als ehrenwert.«
     »Als ehrenwert? Handelt deine Familie etwa illegal mit Kulturgütern?«, fragte Chris nun verwirrt.
     »Mein Onkel handelt mit Antiquitäten. Auch meine Eltern waren in diesem Geschäft tätig und haben bis zu ihrem Tod den internationalen Markt und die Museen beliefert.«
     »Wie bitte?«, sagte Chris nun fassungslos. Nachdem er eine Weile lang geschwiegen hatte, fuhr er fort: »Es tut mir Leid, das mit dem Tod deiner Eltern. Sind sie bei einem Unfall gestorben?«
     »Wenn du mich so direkt fragst, ja. Sie starben bei einem etwas mysteriösen Unfall. Das heißt, mysteriös war nicht die Art ihres Todes, sondern die Tatsache, dass sich der Unfall gerade dann ereignete, als sie dabei waren, ein viel versprechendes Geschäft mit so genannten illegalen Kulturgütern abzuwickeln.«
     »Was waren denn das für Kulturgüter?«
     »Alte rituelle Gegenstände. Einige wohl so alt, dass sie ursprünglich aus Indien oder aus dem sagenhaften Funan stammen mussten, dem Vorläufer des späteren Khmerreiches. Das Königreich Funan entstand im 1. Jahrhundert vor Christus und war das erste indisierte Land am Mekongdelta.«
     »Und wo hatte man diese Gegenstände gefunden?«
     »Inoffiziell bei Grabungen in Phnom Rung.«
     »Wie bitte?«, rief Chris nun entgeistert.
     »In Prasat Phnom Rung. Zwischen 1971 und 1988 hatte das Departement of Fine Arts einige umfangreiche Restaurationsarbeiten vorgenommen. Dabei wurden die Kultgegenstände bei Grabungen gefunden.«
     »Wie sind deine Eltern an diese Gegenstände gekommen?«
     »Meine Familie handelt schon seit Jahrzehnten mit Antiquitäten. Wir haben internationale Beziehungen zu Museen und den großen Handelsplätzen der Welt. Daher ist es nicht erstaunlich, dass man uns diese Gegenstände zum Kauf angeboten hatte.«
     »Habt ihr sie gekauft?«
     »Ja, natürlich. So etwas lässt man sich nicht entgehen.«
     »Und von wem?«
     »Nun hör mal, Chris! Korruption, Missmanagement und Schwarzmarktpraktiken sind hier immer noch weit verbreitet. Ich glaube, es spielt keine Rolle mehr, von wem. Viel wichtiger ist für mich die Frage: Wer wollte sie kaufen? Und vor allem wozu?«